08-06-02: Nepal - Delfin-Ortung inmitten kriegerischer Auseinandersetzungen
Die im April begonnene Riverdolphin-Expedition 2002 neigt sich dem Ende zu. Die Arbeit am Karnali-Fluss ist abgeschlossen und Bernhard Bechter macht sich allein auf den Rückweg über Land nach Europa, da sein Begleiter auf einer Flussexpedition offensichtlich Probleme hatte und nicht zum vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt eingetroffen ist. Die beiden konnten jedoch via Email Kontakt aufnehmen und versuchen sich an der Pakistanischen Grenze zu treffen.

Erstmals seit 1996 war Bernhard Bechter bei der jährlichen Internationalen Walfangkonferenz nicht persönlich anwesend. Ursprünglich war geplant, die Ergebisse der Recherche über den tatsächlichen Bestand der stark gefärdeten Susu-Delfine Nepals 'taufrisch' zur IWC nach Japan zu bringen. Durch die kriegerischen Auseinandersetzungen in Nepal (Im Arbeitsgebiet von Bernhard Bechter in Westnepal wurden in dieser Zeit tagtäglich Menschen erschossen, in einer einzigen Nacht sogar mehrere Hundert Menschen, darunter viele Frauen, Kinder und Zivilisten die als menschliches Schutzschild missbraucht wurden) wurde aus Sicherheits- und Vernunftsgründen entschieden, auf den Besuch der IWC in diesem Jahr zu verzichten und stattdessen die verlorene Zeit (eine Woche konnte die Strasse nicht befahren werden) einzuholen. Am Tag als die Regierung ausser Kraft gesetzt wurde, wurde auch das Projekt am Karnali offiziell abgeschlossen. Die befreundeten und kooperierenden NGO's waren jedoch alle bei der IWC vertreten. Die Abstimmungsergebnisse der IWC folgen im Anschluss an diesen Bericht!

Die Nachforschungen am Karnali-Fluss brachten ein trauriges Ergebnis zustande. Glaubt das Management der Royal Bardia National Parks noch innig daran, dass eine gesunde Population der akut vom Aussterben bedrohten Susu-Delfine – eine der am meisten bedrohten Tierarten der Welt – existiert (vielleicht will man der Realität auch nicht direkt ins Auge blicken, denn schliesslich locken diese seltenen Delfine auch zahlungswillige Besucher an), zeigten die Nachforschungen von Bernhard Bechter und seinen Helfern, dass sämtliche bisher getätigtn Zählungen wohl zu hoch eingestuft worden sind.

Einer der einheimischen Helfer war schon bei Research-Expeditionen einer anderer Organisation beteiligt und war vollkommen überrascht über die penible Arbeitsweise dieses Projektes. 'Wir sind damals einmal ein Teil des Flusses mit einem Raftingboot runtergefahren und als Delfine zu sehen waren, haben wir grob geschätzt, wieviele das sein könnten und auf die gesamte Laenge des Flusses umgerechnet, wieviele es insgesamt sind.'

Die Globalance-Expedition teilte sich in zwei Abschnitte am Karnali, insgesamt wurden 15 Tage mit Research-Arbeit aufgebracht. Der erste Projektabschnitt bestand aus den Positionierungen der möglichen Aufenthaltsbereiche der Delfine und der stundenlangen Beobachtungen von diesen Abschnitten von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. Die Dämmerung durfte aus Sicherheitsgründen beim ersten Teil nicht überschritten werden. Die Gefahr eines Schusswechsels zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen war zu gross. Zudem waren das Globalance-Fahrzeug in der Nacht nicht von denen der Spezialeinheit des Militärs auseinanderzuhalten.

Während die Tourismusgebiete rund um Kathmandu und Pokhara relativ sicher sind, sind die Spuren der Gefechte im Westen Nepals überall deutlich zu sehen. Vom Kugelhagel zersiebte und ausgebrannte Polizeistationen, gesprengte Telefon- oder Starkstrommasten, Sprengspuren an Brücken und Baumsperren mitten auf der neuen Hauptverbindungsroute. Durch die unzähligen Checkpoints dauern die Busfahrten für die Einheimischen ewig. Auf der Strecke Pokhara und Mahendranagar mussten diese über 8 Checkpoints passieren, was heisst: aus dem Bus aussteigen, sich registrieren lassen, das ganze Gepäck durchwühlen lassen, um dann zu Fuss über den Checkpoint zu marschieren und dann in den nächsten Bus zu steigen. Zudem kommen Schikanen und Ausbeutungen vor allem durch die Polizeitruppen, welche sich teilweise in einer menschenverachtenden Weise verhalten. Die Militärcheckpoints waren im wesentlichen um ein vielfaches freundlicher und respektvoller.

An dieser Stelle werfen sich vielleicht doch einige Fragen über den ganzen Verlauf der Auseinandersetzungen auf. Verwunderlich ist vor allem die Unterstützung Amerikas! Haben die Amerikaner je geprüft, was detailliert mit ihren Geldern geschieht und wofür sie eingesetzt werden? Vor allem, warum unterstützt Amerika eine verbrecherisch korrupte Regierung, die der einzige Anlass dieses Konfliktes ist? Wurde je geprüft, ob alle den Maoisten zugeschanzten Anschläge auch von diesen verursacht worden sind oder ob gar Regierungstruppen Teile dieser Anschläge getätigt haben, um die Bevölkerung auf deren Seite zu kriegen? Was heisst es, wenn die Regierung von einer Nummer an getöteten Maoisten spricht? Warum gibt es keine Reports über verletzte oder gefangengenommene Rebellen nach Gefechten? Wieviele Frauen und Kinder wurden von den Regierungstruppen bewusst in den Camps umgebracht? Diese Liste koennte noch lange fortgesetzt werden. Faktum ist, dass bei weitem nicht alle 'Säuberungen' bekanntgegeben werden und die Berichterstattungen der Regierung und Nepalesischen Medien sehr fragend und kritisch beurteilt werden müssen.

Wenn sich auch für die Globalance-Expedition einige kritische Momente ergeben haben, war die Arbeit am Fluss bis auf die Vorsichtsmassnahmen davon weitgehend unberührt. Ein wenig 'mulmig' war die mehrmals zu durchfahrene Furt durch einen Seitenfluss des Karnali. Diese Furt wurde von den Maoisten vermient und ein Polizeijeep viel einer Miene zum Opfer. Bei der Explosion starben 5 Polizisten. Im Gegenzug wurden von der Polizei 15 angebliche Maoisten erschossen. Aus diesem Grund wurden bei der ersten Etappe immer andere Routen durch den Fluss gewählt.

Bei der 2. Etappe war die Situation ein wenig entspannter. Darum konnte auch einen komplette Nacht am Fluss verbracht werden, um Delfine zu orten, was auch gelungen ist. Allerding war knapp nach Mitternacht ein schweres Gefecht über (!!!) der indischen Grenze zu beobachten, bei der schwere Bewaffnung zum Einsatz kam. Trainingslager der Maoisten befinden sich auch über der Grenze und werden auch dort bekämpft. Allerding berichteten weder die Medien Nepals oder Indien etwas über dieses Gefecht. Was hier mit über 15 schweren Granaten bombardiert worden ist, bleibt folgedessen ein Rätsel.

Das Rätsel der tatsächlichen Anzahl von Susu-Delfinen wird sich erst nach einer weiteren Recherche bestimmen lassen. Die 15 Tage Recherche dieser Expedition bestätigen lediglich die Anwesenheit von drei (!!!) verschiedenen Delfinen. Viele Sichtungen entpuppten sich als ein und derselbe Delfin. Wie bereits erwähnt, war vor allem der einheimische Helfer von der Arbeitsweise beindruckt und musste sich eingestehen, dass in früheren Zählungen viel zu leichtfertig umgegangen worden ist.

Eine Liste von sämtlichen Sprüngen und Auftauchen von Delfinen an der Oberfläche – minutiös protokolliert – brachte ans Tageslicht, was als zwei oder drei Delfine eingeschätzt worden sind, ein und derselbe waren. Die zweite Methode, die beim Beobachten eingesetzt worden ist, bestand darin, dass ein Posten an der indischen Grenze den Fluss absicherte und Bernhard Bechter mit dem Kayak vom nördlichsten Punkt, an dem je Delfine gesichtet worden sind, der Grenze entgegengepaddelt ist. Jede Sichtung wurde mit dem GPS abgespeichert. Sah nun Bernhard Bechter auf dem Fluss einen Delfin und zur gleichen Zeit wurde einer an der Grenze gesichtet, so war dies der Beweis für verschiedene Delfine. Alle Delfine, die den Fluss talauf schwammen, mussten im Laufe der Flussbefahrung das Kayak passieren und wurden registriert. Dieses Prozedere wurde bei gleissender Hitze von über 40 Grad im Schatten zehnmal durchgeführt. Sonnenbrand inbegriffen ;o) Die Auswertung der gewonnen Daten wird nach Projektende im Globalance-Büro durchgeführt und der Leitung des Nationalparks und allen wichtigen Organisationen frei zur Verfügung gestellt.

Folgende Probleme bestehen im wesentlichen für die Delfine Nepals:
Ursprünglich gab es in allen vier grossen Fluss-Systemen Nepals Delfine. Nun sind ein paar wenige in einem einzigen Fluss verblieben. Diese zu retten bedarf schneller Aktionen und darf nicht durch bürokratische Schwerfälligkeit verzögert werden. Der Bestand ist so dezimiert, dass man ihn quasi schon als ausgestorben bezeichen müsste. Wenn dann noch Fakten ans Tageslicht kommen, dass zirka einen Monat vor Beginn der Globalance-Research von Kindern ein Delfin-Baby nur aus Spass getötet worden ist, wird die Frustration über die traurige Realität für die Zukunft dieser Tiere nur noch grösser. Bleibt ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass während der 15 Tage Research die Delfine in den verbleibenden nicht kontrollierten 20 Kilometer der indischen Seite Urlaub gemacht haben. Oder ist es vielleicht so, dass die Delfine die in Nepal gesichtet werden, lediglich 'Touristen' aus Indien sind? Die folgenden Erforschungen werden das Ergebis liefern. Globalance wird vor allem versuchen, Bildungsprojekte entlang des Flusses zu förden. Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist bereits getan und in den nächsten Wochen werden einige Kinder mehr über die Delfine lernen.

Vielleicht noch etwas Heiteres zum Schluss...
Auch einige Jungle-Guides haben während der Anwesenheit einiges über Delfine gelernt: Die Richtigstellung dieser Fakten kostete zum Teils einiges an Mühe. Die grosse Frage ist jedoch, haben die von diesen Guides geführten Touristen diese Geschichten tatsächlich geglaubt?

Jetzt erfolgt jedenfalls die Heimreise über Indien, Pakistan, Iran, Tuerkei nach Europa. Der Start war jedenfalls mit Hindernissen verbunden. Ein Reifen wurde undicht und musste durch den Reservereifen ersetzt werden. Die nächste Werkstatt, die hier schlauchlose Reifen reparieren kann, ist über 600 km entfernt. Möge der Reservereifen auf diesen holprigen Strassen dichthalten...


Abstimmungsergebnisse 54. IWC 2002 – Shimonoseki/Japan:

Mehr Information über Globalance unter www.globalance.org